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Monika im Wunderland … ein Spaziergang durch´s Quartier

Warum jetzt so etwas?

Am 12. Oktober erschien in der Rheinischen Post der Artikel „So schön ist es im Gründerzeitviertel“, der neben viel Lob auch heftige Reaktionen auslöste. Glaubt man den Kritikern, so steht das Gründerzeitviertel nebst Eicken vor dem Untergang. Es wimmelt von Wildpinklern, Müllverursachern, merkwürdigem Volk, Dreck, Krach und einstürzenden Altbauten. Diese Kritik und auch die Unterstellung, dass ich als rosa Schlumpf durch ein erdachtes Wunderland laufe, hat mich dazu gebracht eine Lanze für die geschmähten, eng miteinander verzahnten Viertel zu brechen.

Ich werde beginnend in „Eicken-City“ langsam durch das Gründerzeitviertel bis zum Alten Markt wandern, ein heiterer Spaziergang durch meinen Kiez … am besten, Ihr kommt einfach mit!

Nix los mit Eicken-City?

Eicken ist einer der ältesten Stadtteile Mönchengladbachs und wurde 1269 erstmals urkundlich erwähnt. Mit der Ansiedlung der Textilindustrie im 19. Jahrhundert wuchs es und gelangte zu Wohlstand, wobei die Eickener Str. fast wie ein Boulevard wirkte. Der Bebauung kann man diese guten Zeiten noch heute ansehen. Im zweiten Weltkrieg es Glück, denn als die Alliierten in Mönchengladbach das Zerbomben des Ruhrgebietes übten, blieb dieser Teil Eickens und das Gründerzeitviertel weitestgehend verschont.

In Eicken wurde Borussia Mönchengladbach gegründet, wovon heute noch so manche Skulptur kündet. Mit dem Wegzug des Borussenstadions am Bökelberg brach h2016-10-15-19-seier viel zusammen, dazu kamen Jahre mit einer riesigen Dauerbaustelle auf der gesamten Eickener Str. Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit: man musste schon ziemlich herumklettern und Umwege in Kauf nehmen, wenn man zu seinem Lieblingsbäcker wollte. Alle atmeten auf, als die neue Fußgängerzone, die nach Einmischung der Anwohner mit starker Bürgerbeteiligung gestaltet worden ist, fertig war.

Eicken ist ein Viertel der kleinen Leute mit einem bunten, multikulturellen Einwohnergemisch, was nicht immer problemlos ist. Es ist kein Legoland, fernab von den Problemen dieser Gesellschaft, es ist mittendrin. Aber es zieht ebenso wie das Gründerzeitviertel Kreative aller Sparten an.

Ich selbst habe mich mit meiner Familie sehr bewusst für Eicken als Lebensmittelpunkt entschieden. Man ist schnell im Grünen, schnell in der Stadt, kann alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Die Bebauung hat Charme, wird mittlerweile immer öfter liebevoll von den Hausbesitzern im Schweiße ihrer Füße restauriert und versteckt nicht selten alte Gärten in den Innenhöfen. Es gibt Einkaufsmöglichkeiten für jeden Geldbeutel, eine gute Infrastruktur und es gibt das Allerwichtigste: jede Menge toller Menschenkinder … und die machen ein Viertel aus!

Der Rundgang beginnt!

Ich stehe auf dem Eickener Markt und schaue auf den alten „Tho Penningshof“. Ein wunderschönes Fachwerkanwesen, das lange, sehr lange leer stand. Jetzt befindet sich dort die „Texas-Riverranch“. Kenner schwärmen von den leckeren Spareribs und auch ein schöner Biergarten lockt im Sommer so manchen Gast an. Wer an diesem Platz nach der „Latte Macchiato-Fraktion“ sucht, wird lange suchen.

Hier wird ein „lecker Bierchen“ bevorzugt.

Ich persönlich mag sowieso lieber einen ordentlichen Espresso. Den gibt es in „Eicken-City“ gleich in drei hervorragenden italienischen Eiscafés.

Neben dem Penningshof knubbelt sich ein kleines Fachwerkhaus fast  schutzsuchend an ein Haus aus der Gründerzeit. Das ist Eicken!

Der Marktplatz wurde in den 70ziger Jahren umgestaltet und ist meist bis zum Anschlag zugeparkt. Schade eigentlich!

Mittwochs und freitags ist Wochenmarkt mit einem ordentlichen Angebot. Da ich selbstständig bin, kann ich es mir einrichten dort regelmäßig hinzugehen. Dabei genieße ich die persönliche Atmosphäre und den netten Umgang. Leider stöhnen die Bauern dort oft, weil die Kundschaft immer älter und weniger wird. Aber viele Erwerbstätige schaffen es morgens nicht zum Markt.

Idee: In Eicken wird regelmäßig ein „Late-Night-Shoppen“ angeboten – vielleicht wäre es ja mal ein Experiment wert dann auch den Wochenmarkt in den Abend zu verlegen und zu sehen was passiert. Den ansässigen Geschäftsleuten würde es sicherlich gefallen, denn die sind nicht auf den Kopf gefallen.

Vom Markt aus gehe ich in die Eickener Str. Richtung Bahnhof. Linker Hand sehe ich ein kleines Spielwarengeschäft. Inhaber sind die Müllers, die zu den Geschäftsleuten in Eicken gehören, die mit ihren Mitstreitern versuchen Eicken als Geschäfts- und Kulturviertel aufzupeppen und damit vielleicht langfristig gesehen den ein oder anderen in eines der leer stehenden Geschäftslokale zu locken. Im September 2016 haben sie mit wenig Geld, dafür aber umso mehr Engagement den ersten Herbstmarkt ausgerichtet, der mit vielen Ständen, Lifemusik, Kulinarischem, Spiel, Spaß und Spannung aufwartete. Dazu lachte die Sonne wie verrückt und das Ganze wurde zu einem schönen Erfolg. Jetzt wird es bald einen Wintermarkt geben, auf den man wieder gespannt sein darf.

Die Eickener Fußgängerzone ist keine tote Zone.

Hier sind viele Menschen unterwegs. Besonders im Sommer ist die Fußgängerzone gut belebt. Eine kleine Horde frecher Jungs pölt mit ihrem Fußball herum, während sich zwei Mädels im Eingang vom Secondhand Laden des Volksvereins die neusten Neuigkeiten erzählen. Man sieht viele Senioren und Seniorinnen im Straßenbild, denn hier gibt es das städtische Altenheim auf der Thüringerstr. Dort spiele ich regelmäßig mit meinem Pianisten, was immer sehr berührend ist. Die Atmosphäre dort ist locker und freundlich und nicht wenige Eickener helfen dort ehrenamtlich mit. In der letzten Zeit werden im Viertel immer mehr Seniorenwohnungen gebaut, K2016-10-15-18-selar, denn die Infrastruktur stimmt einfach!

Früher war alles besser?

Apropos kleine, freche Jungs, gerade knallt ihr Fußball vor die Scheibe des Sky, Treffpunkt für Jugendliche aus dem Viertel, initiiert durch die ökumenische Jugendarbeit Eicken. Sie sind endlich in ein entsprechend umgebautes Ladenlokal umgezogen und sind total stolz darauf, wie mir Rene erzählt, der gerade mit ein paar anderen Jugendlichen vor dem Sky herumwuselt. Er gehört zu den Jugendlichen, die ehemals Besucher, jetzt aber ehrenamtliche Mitarbeiter sind. Das Sky existiert seid 25 Jahren und wurde als Streetworkerprojekt aufgebaut, um an Jugendliche heranzukommen, die damals als unansprechbar galten. Es war eine Antwort auf die sich am Schillerplatz treffenden „Schillerfighters“. Die trieben in ganz Mönchengladbach ihr Unwesen und nordeten vorzugsweise Jugendzentren ein. Zu der Zeit leitete ich selbst einen Jugendclub in Holt, dessen Disco dank der Schillerfighter zum Hochsicherheitstrakt wurde. Das zum Thema: „früher war alles besser“. Federführend organisiert das Sky im Sommer immer ein gut besuchtes Familienfest auf dem Eickener Marktplatz.

Es gibt einen ausgefallenen Schmuckladen, ein kleines veganes Restaurant, einen türkisch-stämmigen Schuster alten Schlages, und eine Baguetterie mit sympathischem Inhaber, ebenfalls türkischstämmig. Dann haben wir eine kleine Wäscherei, ein schnuckeliges Reisebüro, den Sternenhimmel mit Secondhand Kleidung für Kinder, das Ladenlokal der Modedesignerin Eva Brachten, einen Frisör…2016-10-15-17se

Apropos Frisör: in Eicken gibt es davon richtig viele, so dass ich mich frage, wo die ganze Kundschaft herkommt, aber offensichtlich funktioniert es und die Eickener haben einen besonders stark ausgeprägten Haarwuchs.

Im Sommer haben der Troubadour, das Milan und Alt Eicken draußen bestuhlt, ein sehr lebendiges Dreieck: man trifft sich, man sieht sich. Alle Wirte sind mit viel Herz bei der Sache. Im Troubadour wird, wie der Name schon sagt, gesungen, der Milan lockt mit eher jugoslawischen Spezialitäten.

Alt Eicken ist ein gutbürgerliches Lokal, das seit 1898 permanent bewirtschaftet ist und auch die Dauerbaustelle unfallfrei überlebte. Es hat einen großen Saal mit Bühne, der eigentlich optimal für Lifemusik ist. Kleiner Tipp für Muschelliebhaber: die sind hier exzellent,mh, lecker.

Überhaupt gab es insbesondere zu Zeiten des Borussenstadions hier viele Kneipen. Ambitionierte Freunde von mir haben neulich versucht sich von Untereicken bis zum Bahnhof durch zu trinken, um das Viertel besser kennen zu lernen. Als ich sie traf waren sie schon lange im Zustand erhöhter Lebensfreude und ich weiß nicht, ob sie es bis zum Bahnhof geschafft haben. Böse Zungen haben behauptet, dass man sich die Stadt schön trinken müsse. Alles Quatsch: was tut man nicht alles, um das eigene Viertel nach vorne zu bringen.

Kultur und Torten

Beim Vorbeigehen fällt mir auf, dass ein Leerstand behoben ist: in einem Schaufenster tummeln sich liebevoll angerichtet Altertümchen und ein Schild Kunst und Café – muss ich mal testen. Vorbei am Borussendenkmal und einem steinernen Fußball, mit Blick auf einen kleinen schnuckeligen Platz geht es in Richtung Aretzplätzken, wo sich das Gründerzeitviertel und der Stadtteil Eicken überschneiden und ineinander übergehen.

Am Sonntag lockt die Konditorei Bertrand mit Torten, die sich durchaus mit Heinemann messen können, in der Traumfabrik gibt es vegane Küche und Massage. Sie wird von Constanze und Ihrer Mutter mit viel Liebe geführt. Zum Publikum gehören viele Frauen, die sich dort verwöhnen lassen und ein Schwätzchen halten.

Ah, im Eiscafe San Marco gibt es wieder lecker Espresso und Zitroneneis. Während ich genüsslich mein Eis schlecke sehe ich, dass im TiG (Theater im Gründungshaus) aufgebaut wird. Dort gibt es heute eine 50-ties Party mit Petticoats und Chevrolet vor der Haustür. Das TiG hat sich seit seiner Gründung gut etabliert und bietet eine abwechslungsreiche Mischung aus Musik, Theater, Party und, und, und … alles ehrenamtlich, mit viel Einsatz geführt.

Hier wohnen nicht nur Engel!

Gegenüber gibt es lecker Döner und, huch, jetzt wäre ich beinahe wieder in ein2016-10-15-16-seen schwarzen Sack mit Hundekacke getreten. Ja, früher trat man alle fünf Minuten in Hundekacke, jetzt fliegen überall die schwarzen Tüten herum.

Natürlich ist hier nicht immer alles schön: immer wieder wird wilder Müll abgelegt, mit dem sich dann die Anwohner herumschlagen müssen, dazu kommen die Sprayer. Leider fabrizieren die keine Kunst, sie besprühen einfach nur alles, was nicht niet- und nagelfest ist mit irgendwelchem Quatsch, schrecken auch vor frisch renovierten Häusern nicht zurück. Ich glaube, wenn da einer erwischt würde, der könnte sich auf den gerechten Zorn der Anwohner einstellen.

Natürlich gibt es auch viel Leerstand, aber, bitte, wo gibt es den nicht?

Auch wohnen hier nicht nur Engel und mancher Konflikt ist aufgrund der Unterschiedlichkeit der Bewohner sicherlich vorprogrammiert.

Aber ich kann mir nicht helfen, ich find es hier schön!

Jetzt stehe ich vor der Kirche St. Maria Rosenkranz, sie hat wohl zur Zeit ihrer Erbauung den Wettbewerb des höchsten Kirchturms gewonnen. Heute wohnt dort ein Falkenpäarchen und eine Gemeinde, die sich engagiert mit den Themen des Viertels beschäftigt. Gerade lese ich einen Aufruf Pate für Flüchtlinge zu werden, eine unserer großen gesellschaftlichen Baustellen.

Gegenüber hat sich die Piratenpartei niedergelassen und bietet freies Internet an, was dazu führt, dass auf den Stufen der Kirche und überall Menschen sitzen und mit ihren Handy im Internet surfen. Nein, hier werden keine Pokemoons gejagt. Das passiert am Adenauerplatz!

Kleine Anmerkung: die schönen alten Fotos stammen aus dem Archiv von Franz Köstner und Manfred Offermann.

Hier ist die Eickenerstr. nicht mehr so schick und auch keine Fußgängerzone. Es gibt eine Spielhalle, ein Zentrum für Wiedereingliederung, ein Rahmengeschäft, die Galerie EA 71, den Laden eines Maskenbildners mit gar schauerlichen Exponaten. Zwischen Fahrschule, Schreibwaren, Schönheitssalon, Kiosk und Pizzabäcker gelangt man hier zur unteren Hindenburgstr. mit ihren Spielhallen und Sexläden – Bahnhofsnähe mit allen Vor- und Nachteilen.

Ein Blick zurück!

Ich drehe mich um und schaue noch einmal auf die Fußgängerzone. Mein Lieblingsbäcker hat leider vor einiger Zeit geschlossen und im Metzgerladen ist jetzt ein Laden für Hundefutter. Die etwas abgebrasselte Eckkneipe ist wieder belebt, der Tatooladen hat sich nicht halten können und steht schon wieder leer. Ansonsten sieht das Ganze, besonders  am Abend nett beleuchtet, nicht schlecht aus.

Es ist mein Kiez, es ist Heimat, schützenswert und es gibt viele, die sich hier einsetzen, wie z.B. die Autorinnen des kleinen ¼ Eicken-Heftchen oder die Leute, die sich den Slogan: „Yes, ei cken!“ haben einfallen lassen. Kann man übrigens bei Prolibri als T-Shirt oder Tasse kaufen und zeugt von Selbstbewusstsein mit Humor.

So, denk ich mir, um nach meinem heutigen Spaziergang zufrieden nach Hause zu gehen und mir aus meiner ¼ Eicken-Tasse einen leckeren Kaffe zu trinken!

Tschüß, wir treffen uns demnächst an der Ecke Eickener und Kaiserstr.!

Lott jonn!

3 Kommentare

  1. Danke Monika, dass Du „UNSER“ Eicken so gut beschrieben hast – man muß es eben lieben, um sich so viel Mühe machen zu können – aber Eicken hat es verdient…

    LG, Wilbert

    wilbert-schiffeler.de

  2. Claudia Godoj sagt

    Was für ein anregender ‚Spaziergang‘ durch unser Viertel. Sehr treffend geschrieben. ..und er macht Lust, sich selbst auf die Socken zu machen. Ich freu mich auf den nächsten Beitrag:-) Claudia

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